Urteile zu Behandlungsfehlern

 

  • Von einem fundamentalen Diagnoseirrtum ist ebenfalls auszugehen, wenn ein niedergelassener Internist oder Allgemeinmediziner einen Patienten mit erheblichen Risikofaktoren für einen Herzinfarkt (hier: Nikotinabusus, Bluthochdruck, familiäre Vorbelastung, Adipositas und Blutzuckererhöhung), vorliegender Schmerzsymptomatik und Veränderung EKG nicht sofort mit dem Notarztwagen in ein Krankenhaus einweist (BGH, Beschluss vom 22.09.2009 – VI ZR 32/09 -).

 

  • Ein grober Behandlungsfehler eines Chirurgen liegt vor, wenn bei Verdacht auf ein Hodgkin-Lymphom der cervikale Lymphknoten nicht entfernt, stattdessen aber eine maximal aggressive Tumorexstirpation ohne weitere Ausbreitungsdiagnostik und ohne Konsultation eines in der Behandlung dieser Erkrankung versierten Spezialisten durchgeführt wird (OLG Naumburg, Urteil vom 29.04.2008 – 1 U 19/07 -).

 

  • Ein grober Behandlungsfehler liegt in der „Gesamtschau“ vor, wenn ein Orthopäde bei bereits monatelang andauernden Schmerzen des Patienten im Bereich der HWS in Kenntnis der sechswöchigen, erfolglosen Behandlungen des vorbehandelnden Facharztes (hier: manuelle Deblockierungen, kein Röntgenbild angefertigt) nur zwei qualitativ minderwertige Röntgenaufnahmen (Elemente der HWS nicht ausreichend abgebildet) fertigt, ohne anschließend neue, bessere Bilder zu erstellen, auf den Röntgenbildern einen gleichwohl ohne weiteres erkennbaren raumgreifenden Prozess bei HWK 4 nicht feststellt und den Patienten deshalb Krankengymnastik verordnet (OLG Schleswig, Urteil vom 04.04.2008 – 4 U 172/07 -).

 

  • Ein fundamentaler Diagnosefehler liegt vor, wenn ein Chirurg oder Orthopäde trotz beklagter Beschwerden im Hüftgelenk einen „Muskelriss“ diagnostiziert, die Verdachtsdiagnose „Abszess im Bereich des Hüftgelenks“ nicht stellt bzw. sogar verwirft und die Patientin ohne weiterführende diagnostische oder therapeutische Maßnahmen entlässt (OLG München, Urteil vom 23.09.2004 - 1 U 5198/03 -).

 

  • Ein fundamentaler Diagnoseirrtum liegt etwa vor, wenn ein Neurologe einen akuten Schlaganfall eines Patienten nicht erkennt und auf dünner Tatsachenbasis eine „komplizierte Migräne“ diagnostiziert, ohne einen möglichen weiterhin ablaufenden ischämischen Prozess nachzugehen (OLG München, Urteil vom 03.06.2004 – 1 U 5250/03 -).

 

  • Legt der niedergelassene Urologe in kurzer Folge bei einem Patienten wiederholt suprapubische Katheter, deren Verwendbarkeit wegen Überschreitung des Verfalldatums um zwei bzw. drei Jahre unzulässig war, liegt zumindest in der Gesamtschau ein grober Behandlungsfehler vor (OLG Köln, Urteil vom 30.01.2002 - 5 U 106/01 -).

 

  • Ergeben sich aus einer CT-Aufnahme deutliche Verdachtsmomente für das Vorliegen eines Lungenkarzinoms und wird eine solche Diagnose vom beurteilenden Radiologen faktisch ausgeschlossen, liegt ein grober Behandlungsfehler vor (OLG Hamm, Urteil vom 02.04.2001 – 3 U 160/00 -).

 

  • Ein trübes Punktat, das mittels einer Kniegelenkpunktion gewonnen wurde, muss zügig bakteriologisch untersucht werden. Geschieht dieses nicht, so haftet der Arzt für eine spätere Gelenkversteifung, wenn er nicht beweisen kann, dass diese bei regelrechter Soforterkennung und unverzüglich eingeleiteter Therapie nicht sicher vermieden worden wäre (OLG Köln, VersR 1992, 1003).

 

  • Treten nach einer Schnittverletzung nicht abklingende Schmerzen auf und zeigt das Wundbild einen Entzündungsprozess an, so muss möglichst frühzeitig eine antibiotische Therapie mit einem Medikament erfolgen, das gegen Staphylokokken wirksam ist. Das Unterbleiben dieser Behandlung stellt einen groben Behandlungsfehler dar (KG, VersR 1991, 928).